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Kurts Blog (ostwestfalen-akademie.de)
Steinheim, Mittwoch, 12. Dezember 2018

Heute wurden in Steinheim sieben Stolpersteine in das Pflaster der Bürgersteige eingelassen, einmal drei und an anderer Stelle vier. Ich möchte nicht wissen, welcher behördliche Aufwand erforderlich gewesen ist, um die Anlieger vom Sinn dieser Maßnahme zu überzeugen. Einen Sinn haben sie aber unzweifelhaft, diese Stolpersteine. Sie werden den einen oder den anderen vielleicht darüber nachdenken lassen, ob die Verbrechen an den Schöpfern unserer Zivilisation der Vergangenheit angehören oder ob sie sich nicht gerade wiederholen, wenngleich mit subtileren und weniger auffälligen Methoden. – Ich jedenfalls fühlte mich heute morgen hoch geehrt, denn Alexander Kogan, der Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Paderborn, fand meine Dromedary News vom November würdig genug, um sie beim Legen der Stolpersteine zu verlesen. Es gibt Augenblicke, da denke ich, es kann doch noch etwas aus mir werden. (Ach ja, ich habe noch eine Null-Euro-Quizfrage mitgebracht. Es waren unter anderem ein katholischer und ein evangelischer Geistlicher zugegen. Beide waren zum jüdischen Gast freundlich, einer von beiden spürbar freundlicher. Wer?)  

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Paderborn, 10. Dezember 2018

Chanucka! Ich war gestern eingeladen und durfte in der Synagoge eine Chanuckakerze anzünden, um Licht in die Dunkelheit zu bringen. Ich glaube, das ist sogar unsere wichtigste Aufgabe im Leben: für Licht zu sorgen, für das Licht der Liebe, für das Licht der Hoffnung, für das Licht der Erkenntnis. Viele Sprachen waren zu hören: Hebräisch, Russisch, Englisch, Spanisch und natürlich auch Deutsch. Das koschere Festmahl ist vorzüglich gewesen und die unbekannten Speisen haben mir vortrefflich gut geschmeckt auf den weißen Tellern mit dem blauen Davidstern. Welch ein angenehmer Kontrast zu den niveaulosen Weihnachtsfeiern, auf denen sich das Christenvolk mit Glühwein zudröhnt! Alexander Kogan hat die Feier geleitet, mit der ihm eigenen vorbildlichen Geduld und Freundlichkeit. Vielleicht hat sich seine Art auf die Gäste übertragen: am Buffet gab es kein Gedränge, ein jeder war des anderen Freund.   Kurts Blog (ostwestfalen-akademie.de) Paderborn, 1. Dezember 2018 Ulla kommt heute aus den weißen Alpen zurück und ich hole sie am Busbahnhof Paderborn ab. Ich bin um 6 Uhr losgefahren, um in der Bahnhofsbäckerei zwei von den herrlichen Mettbrötchen mit Lauch und gehackten Zwiebeln sowie eine Tasse zu genießen. In der Lange-Werbung ist das Model Vanessa zu sehen; Vanessa ist vor Jahren mein Personal Assistant gewesen. Die hübsche und wohlerzogene Verkäuferin wünscht mir ein „schönes Wochenende“. Die meisten Menschen sind auf dem Weg zurr Arbeit; sie treiben das Steueraufkommen in die Höhe, damit die Finanzämter endlich aus ihren Elendsquartieren heraus können. Fünf oder sechs betrunkene Jungendliche beschmutzen das Bild des beginnenden Tages. Sie halten mit der Linken ihr (vermutlich geklautes) Handy ans Ohr, mit der rechten umklammern sie ihre Bierflasche. Wo sie stehen, ist der Boden nass. Verschüttetes Bier? Öffentliches Ärgernis? Oder beides? Niemand schreitet ein gegen das pöbelnde Gesindel. Weit und breit kein Polizist zu sehen! Man müsste ... Endlich kommt Ullas verspäteter Reisebus und wir fahren heim. Vielleicht ist es das kleinere Übel dergleichen Erscheinungen auszuhalten, obwohl ich nicht einsehe ... doch was kümmert's mich?! Ich danke Gott, dass ich nicht in der stinkenden Stadt wohne.

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B
ühne, 23. November 2018

„Ich heiße Kurt und bin Alkoholiker.“ Der wohlmeinende Laie, der – wie es Laienart ist – alles besser weiß, korrigiert mich: „Du warst mal Alkoholiker.“ Warum sage ich, der ich seit nun fast 27 Jahren keinen Tropfen Alkohol zu mir genommen habe, immer noch: „Ich heiße Kurt und bin Alkoholiker“? Ich sage das, damit ich nicht vergesse, dass ich aus genetischen oder lebensgeschichtlichen Gründen allergisch auf Alkohol reagiere. Ich sage das, damit sich Rausch, Absturz und Abstieg nicht wiederholen.
„Unsere Generation will sich nicht mehr derart in Haftung für unsere Vergangenheit nehmen lassen“, meinte der nassforsche Friedrich Merz im Jahr 2000. Er denkt heute noch genauso und wärmt diesen brandgefährlichen  Unsinn wieder auf. Dass ein gewissenloser Politiker (wenn dieser Pleonasmus erlaubt ist) so spricht und so denkt, das ist nicht der Skandal. Der Skandal ist, dass dies kaum jemanden aufregt und man mit solchen Ansichten durchaus Parteivorsitzender einer christlichen Partei werden kann.    
 
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Bühne, 22. November 2018

In Bühne hat es den ersten Schnee gegeben. Er ist wieder weggetaut, doch ich habe Frau Holle gebeten, noch einmal nachzulegen. Mein Essay „Religiöser Konkretismus“ ist fertig. Er soll als „Heureka Nr. 55“ zu Weihnachten an unsere Mitglieder verschickt werden. Jetzt lasse ich ihn zum Nachreifen liegen; nach zwei Wochen nehme ich ihn mir dann noch einmal vor. Ulla hat einen Weihnachtsstollen gebacken, den sie aus ähnlichen Gründen liegen lässt, bevor er angeschnitten werden darf. Unsere Weihnachtsbeleuchtung hat auch schon gestrahlt. Es wird also Zeit mit meinem vorweihnachtlichen Morgenritual zu beginnen. Was das ist? Ich zünde eine Kerze an und bastle am Adventskalender für das nächste Jahr. Der Adventskalender 2018 war überraschend schnell ausverkauft. Ich lasse noch einen kleinen Vorrat nachdrucken.

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Bühne, 20. November 2018

Die Luft ist kälter geworden und zu Bo0den fällt ein dünner weißer Vorhang aus sechseckigen Eiskristallen, denen unsere Sprache den poetischen Namen Schneeflocke gegeben hat. Ich sehe aus dem Fenster und meine Erinnerung geht zurück an eine Begebenheit, die mehr als fünfzig Jahre zurückliegt. Es mag wohl in Winterberg gewesen sein, als ich damals aus dem Zug stieg, gemeinsam mit vielen anderen Menschen. Plötzlich stand ich einer jungen Frau gegenüber. Ich sah ihren Atem in der kalten Schneeluft und unsere Augen trafen sich für eine winzige Sekunde glücklichen Einvernehmens. Wir sprachen kein Wort, die Zeit stand still. Ich sehe auch heute ihre blauen Augen und die goldenen Haare, mit denen die Schneeflocken spielten. Nie wieder habe ich mich einem Menschen so nahe gefühlt. Es war eine Sekunde, die ich immer wieder durchlebe. Das ist alles, was ich erzählen kann. Diese Geschichte hat keinen Anfang und kein Ende. Ich nenne sie Begegnung.

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Bühne, 18. November 2018

Ich sollte eigentlich zufrieden sein. Zu meinem Geburtstag erhielt ich eine erkleckliche Zahl von Briefen und Karten. Vielen Freunden bin ich es wert gewesen, Papier und Tinte zu bemühen, den Bogen zu falten, eine bunte Briefmarke auf den Umschlag zu kleben. Doch mit Abstand die meisten Wünsche kamen auf elektronischem Wege daher: ohne Grammatik und Interpunktion, manchmal mit mehr Ikons als Worten. Wir verlernen es nach und nach, uns Mühe zu geben und unsere Sprache zu pflegen. Dabei verkümmert unser Denken. Wir entmündigen uns selbst und bereiten unsere Unterwerfung vor. Wenn es wieder soweit ist, fragen wir scheinheilig: wie konnte das geschehen?Das alles beglückt mich beim Lesen eines Buches: das Papier zu fühlen, eine Buchseite umzuschlagen, mit dem grünen Bleistift von Faber-Castell am Text zu arbeiten, das Lesebändchen einzulegen, die lederne Buchhülle zu streicheln, die das kostbare, oft leinengebundene Werk behütet. Zum Geburtstag habe ich mir ein Reiseetui mit Bleistift und Füllfederhalter geschenkt, denn „es gibt sie noch, die guten alten Dinge“. Aber sie werden seltener und teurer.  

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Berlin, 15. November 2018

Ich sitze beim Frühstück in einem Viersterne-Hotel in Berlin. Ein Gast bereitet sich am Buffet einen Tee, pustet zur Kühlung über die Tasse und schlürft ein Schlückchen. Eine Frau mit T-Shirt und Sneakers nimmt sich eine Schale Müsli und gießt Milch darüber; auf dem halben Weg zu ihrem Tisch hält sie inne, stopft sie sich einen großen Löffel Müsli in den Mund und geht kauend die letzten Meter bis zu ihrem Tisch. Diese Beobachtungen erfüllen meine Seele mit Frieden und Zufriedenheit, denn ich bin heute glücklich darüber, dass ich nicht versucht habe, meinen Traum vom eigenen Hotel zu verwirklichen. Es wäre nicht gut gegangen, denn zu vielen, wenn nicht allen Gästen hätte ich Hausverbot erteilen müssen. Geeignetes Personal hätte ich auch kaum gefunden. Ungeeignet wäre beispielsweise jemand, der mich im Frühstücksraum nach der Zimmernummer fragt, bevor ich Platz genommen habe. Für anständige Brötchen hätte ich allerdings gesorgt. Und natürlich auch für duftenden Kaffee. Selbstverständlich würde dazu Kaffeesahne gereicht werden, denn allein die gibt dem Kaffee die einladende goldene Farbe, die aus dem Morgen einen vielversprechenden Morgen macht.

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Bühne, 14. November 2018

Ich habe mir einen neuen Füllfederhalter und ein neues Schreibetui gekauft. Wozu diese Ausgaben? Ich halte das Schreiben, das richtige Schreiben mit richtiger Tinte auf richtigem Papier, für den Inbegriff der Kultur, fast so edel wie Klavierspielen. Daher liebe ich auch Bücher, die man anfassen, über deren Seiten man streichen kann. Bei den E-Books kann man das nicht. Daher habe ich auch fast ein schlechtes Gewissen, dass mein literarischer Adventskalender gedruckt und nicht wirklich „gebastelt“ wurde. Daher freue ich mich ganz besonders über handgeschriebene Briefe, die in einen Umschlag gesteckt wurden und für die eine schöne Briefmarke ausgesucht wurde. Heute habe ich viele solcher Briefe öffnen und lesen dürfen.  

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Bühne, 13. Oktober 2018

Der ganz und gar menschliche Geist schützt uns vor mancherlei Irrtümern. Wer davon überzeugt ist, dass es sich der Heilige Geist in seiner Seele buchstäblich gemütlich gemacht hat, der ist mit der ersten Form des Geistes allerdings nicht im Übermaß gesegnet.  

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Bühne, 10. August 2018

Homöopathie ist alles andere als plausibel und wissenschaftlich belegt ist sie natürlich auch nicht. Dennoch erfreut sie sich in Deutschland – anders als in anderen Ländern – größter Beliebtheit. Der Grund dafür ist einfach: wir Deutsche sind nicht das Volk der Dichter und Denker, wir sind das Volk der Leichtgläubigen und Spinner. So und nur so ist übrigens auch zu verstehen, dass der „Führer“ Millionen biederer Bürger mit Unsinnssprüchen wie „Die Juden sind unser Unglück“ für die Duldung, Billigung und Begehung schwerer Verbrechen begeistern konnte. 
25. Juli 2018 Wir Menschen vertreiben das Gute aus unserem Leben, wo immer es geht. Selbst den Erlöser haben wir ans Kreuz geschlagen. Dieses größte aller Verbrechen gestehen wir nicht etwa ein, nein, wir halten uns noch etwas darauf zu Gute, wir deuten es in atemberaubender Weise um und behaupten: die Ermordung von Jesus Christus sei nicht nur nicht die Schuld des Menschen, nein, sie nehme im Gegenteil dessen Schuld hinweg. Das müsste ein Strafverteidiger von heute erst einmal hinkriegen!   

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Bühne, 27. Juli 2018

Der zivilisierte Westen ist nach versönlichen Tönen und Friedensverträgen erleichtert. Warum? Weil er sich weiter der Ilusion hingeben darf, es werde nicht so heiß gegessen wie gekocht wird.

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Bühne, 15. Juli 2018

War es nicht Marcuse, der gesagt hat, man könne aus der Geschichte nichts lernen außer dass man nichts aus ihr lernt? Man freut sich zu über das Händchenhalten mit Nord-Korea, wenn man vergisst, welchen Wert Verträge zwischen irren Schurken haben.

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Bühne, 11. Juli 2018

Jan Ulrich braucht eine Therapie. Das raten alle guten Freunde. Was Jan Ulrich braucht, ist keine Therapie. Was er braucht, ist eine ordentliche Tracht Prügel, am besten dreimal täglich. Oder, besser noch: 90 Tage, 90 Meetings.   

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Bühne, 2. Juli 2018

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner möchte die Landwirte wegen der Dürre nicht im Regen stehen lassen. Das ist fast so schön wie die Bemerkung meines alten Oberstudienrates Nero sei brandaktuell.  

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Bühne, 23. Juni 2018

Heute ist in Bühne Feuerwehrfest. Früh morgens spielt die Bühner Musik, geht von Haus zu Haus und lässt sich „einen einschütten“. Eben spielten sie – wie die Tradition es verlangt – beim Nachbarn „An meines Vaters Haus steht eine Linde“. Das spielten, sangen und hörten auch die Menschen im „Dritten Reich“. Diesen braven Menschen liefen dabei die Tränen herunter vor Rührung. Dieselben braven Menschen, die tatenlos zusahen, als Millionen ihrer Mitbürger beraubt, gequält, verschleppt und ermordet wurden. Wir dürfen das nicht vergessen, um HEUTE das Gebot der Liebe zu erfüllen, der Seelen im Himmel zuliebe, der Seelen der Täter und der Mitläufer. Die Seelen der Opfer sind schon erlöst, denn Gott ist mit ihnen ins Gas gegangen.

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Bühne, 4. Juni 2018

Ich geh gern ins Kabarett. Da fühle ich mich immer so intellektuell.